Der Mensch als Zoon Zombiekon

Hiernach ist denn klar, daß der Staat zu den naturgemäßen Gebilden gehört und daß der Mensch von Natur nach der staatlichen Gemeinschaft strebendes Wesen ist // Aristoteles: Politik 1

Evil draws men together // Aristoteles: Rhetorik

Untote machen Politik. Sie zwingen das Gemeinwesen zu alternativen Organisationsformen, modellieren Strukturen von Governance und bestimmen die Art und Weise mit sozialen Konfliktsituationen umzugehen. Die Beißer in der AMC-Erfolgsserie The Walking Dead (TWD) erproben am changierenden Kollektiv um Sherriff Rick Grimes, der zentralen Charakterfigur der Serie, polittheoretische Fragestellungen und Spannungsfelder rund um Fragen von Legalität/Legitimität oder Gemeinwohl/Interesse. Unter sich stets verändernden Vorzeichen von entstehender und in sich zusammenfallender Staatlichkeit, ist die Gruppe um Rick doch immer bestrebt dem Naturzustand ganz im Hobbeschen Sinne zu entkommen, und nach „staatlicher Gemeinschaft“ zu streben (Aristoteles).

Erschwerend kommt hinzu, dass die Gruppe das Machtmonopol zwar immer nach innen stabilisieren kann, es jedoch in Relation zu den Beißern und anderen Gruppen von Überlebenden im Naturzustand verhaftet bleibt. Zentral verhandelt wird dieses Dilemma am Ende der zweiten Staffel – die Gruppe ist im Begriff auseinanderzubrechen, da ihre beiden vorherigen Stationen (das Camp am See und Herschels Farm) von Zombies übermannt wurden. Sie drohen den Gesellschaftsvertrag aufzukündigen, zu Gunsten ihrer Einzelinteressen und zu Lasten des implizit formulierten Gemeinwillens (Rousseau 2000: 28). Zuflucht finden sie letztlich in einem Gefängnis, ein Ort an dem Ackerbau, Viehzucht, die Einrichtung einer Bildungsinstitution und Arbeitsteilung möglich ist. In ihrer Szenenbetrachtung fasst Anja Besand das aufkommende Dilemma der Gruppe zusammen (2018: 42):

Alles wäre gut – wenn es keine Konflikte mit einer benachbarten Gruppe von Überlebenden gäbe, die sich unter der Führung eines tyrannischen Bürgermeisters in der Gemeinde Woodbury angesiedelt hat und droht das Gefängnis zu überrennen. Rick muss sich entscheiden. Soll er die Gruppe in den Kampf führen … oder übergibt er die Gruppe kampflos der sadistischen Führerschaft des sog. Governors.

Hobbes‘ Naturzustand löst sich für die Gruppe somit nur temporär auf, da es an einer Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Beziehung beider organisierter Gemeinschaften mangelt. Hobbes sagt diesen Zustand in The Walking Dead quasi voraus (1966: 95):

… wenn daher zwei Menschen nach demselben Gegenstand streben, den sie jedoch nicht zusammen genießen können, so werden sie Feinde und sind in Verfolgung ihrer Absicht, die grundsätzlich Selbsterhaltung und bisweilen nur Genuß ist, bestrebt, sich gegenseitig zu vernichten oder zu unterwerfen. Daher kommt es auch, daß, wenn jemand ein geeignetes Stück Land anpflanzt, einsät, bebaut oder besitzt und ein Angreifer nur die Macht eines einzelnen zu fürchten hat, mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, daß andere mit vereinten Kräften anrücken, um ihn von seinem Besitz zu vertreiben und ihn nicht nur der Früchte seiner Arbeit, sondern auch seines Lebens und seiner Freiheit zu berauben. Und dem Angreifer wiederum droht die gleiche Gefahr von einem anderen.

Im Zombie State ist die geordnete Form der Güterverteilung also einem konstanten Stressimperativ unterworfen. Im Kampf mit dem Governor geht es allerdings auch um den Wettstreit zweier konkurrierender politischer Ordnungssysteme: Demokratie und Despotie/Tyrannei. Grenzziehungen von autoritärem und demokratischem Führungsstil verschwimmen an der Person Ricks jedoch zunehmend, der eine unkalkulierbar changierende Führungsrolle ausübt. Vom Good Cop der ersten Staffel zementiert er einen autoritären Führungsanspruch mit seiner This isn’t a democracy anymore-Rede am Ende der zweiten Staffel, und findet am Ende der nächsten Staffel zum demokratischen Stil zurück – We stick together. We vote. (zit. nach Besand 2018: 42f.).

Dass das Patriarchat als zentrale Ordnungsmacht in The Walking Dead niemals aufgehoben, und in Momenten der sozialer Sicherheit und ökonomischer Prosperität ein reaktionäres Revival feiert, und in geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung sowie einer neuerlichen geschlechtsspezifischen Aufteilung/Verbannung von Frauen und Männern in Sphären des Privaten und Politischen mündet (in Alexandria bspw. übernehmen Frauen zumeist klassische Aufgaben des Care-Bereichs – Männer kümmern sich um Angelegenheiten des Handwerks sowie der Grenzsicherung), wird binnen der ganzen Serie gar nicht oder nur rudimentär problematisiert.

Innerhalb des Spannungsfeldes von Freiheit und Sicherheit greifen alle TWD-Protagonist*innen in temporär organisierten Gemeinwesen nicht selten zu autoritativ-gewalttätigen Formen der Machtausübung. Ganz im Sinne Max Webers wird Gewalt zwar dem Feld der Macht untergeordnet, spielt jedoch das „Monopol legitimen physischen Zwanges“ (1984: 91) die notwendige Bedingung zur Erhaltung staatlicher Ordnung. Webers Machtdefinition lautet dabei wie folgt (1984: 89):

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.

Einer totalitären Ausübung von Macht und Gewalt sieht sich die Gruppe um Rick in Terminus gegenüber. Die kannibalische Gruppe rund um Gareth hat in Terminus den Tötungsprozess von anderen Überlebenden außerhalb ihrer Gemeinschaft industrialisiert. Die ästhetische Setzung der Szene, in der die Gruppe um Rick und in den Container gesperrt werden, erinnert nicht zufällig an die Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz.

Man ist entweder der Schlächter, oder das Schlachtvieh! // Gareth

Die Zuschauer*in empfindet die Ausübung der Gewalt nicht als legitim, selbst wenn sie unter gegebenem Umstand des Ausnahmezustandes und des Wegbrechens aller staatlichen Autorität nach Weber vielleicht legitim sein kann, da sie nach innen von ihren Bewohner*innen sowohl „rein affektuell“, als auch „wertrational: durch Glauben an ihre absolute Geltung als Ausdruck letzter verpflichtender Werte“ sowie quasi „religiös“ garantiert wird (1984: 58). Gareth und seine Gemeinschaft entschließen sich erst durch einen brutalen Überfall von Terminus keine Fremden mehr aufzunehmen, sondern körperlich total zu vernichten. Zwar sind die Szenen rund um Terminus verstörend und auch für die Protagonist*innen nicht legitim, dennoch stellt sich die Zuschauer*in die Frage, inwiefern sich nicht nur die Geisteshaltung, sondern auch die Taten von Gareth und seiner Gruppe von derer Ricks unterscheidet. Nach Giorgio Agamben verwirklichen erst stabile Gemeinwesen, deren Bürger*innen vom Gewaltmonopol und der relativen Freiheit von Gewalterfahrungen profitieren, ein großes Gewaltpotential nach außen – durch Kriege, Grenzschutz oder Flüchtlingslager (zit. nach Riescher 2013: 90). Auf der politischen Mikroebene von The Walking Dead realisieren die Protagonist*innen dies durch eine relative Skrupellosigkeit gegenüber Feinden und dem Primat des Tötens potentieller Gefahrenquellen, wie es beispielsweise in Alexandria deutlich wird.

Zombie Politics

Zombies sind politisch. Wie Anja Besand herausstellt, ist The Walking Dead eine „Spielanordnung mit konkurrierenden Ordnungsmodellen“, mit jeweils gegensätzlichen „Parallelkonstruktionen“ politischer Machtausübung (2018: 44f.). Die Serie ist eine Spielwiese im Modus des was wäre wenn? Welche Gefahren und Potentiale bietet die postapokalyptische Urgesellschaft? Welche Entwicklungsprozesse und Rückschläge durchläuft sie? Gibt es eine Endgesellschaft, einen Wechsel vom Primat des jede*r gegen jede*n, hin zum jede*r für jede*n? Das Problem fehlender völkerrechtlicher Verträge bleibt. In der Postapokalypse bleiben die Überlebenden Individuen, die im Gemeinwesen der Zombie-Suprematie Gemeinschaft und Sicherheit suchen. Vollzieht sich hier sogar ein Wechsel des Souveräns, weg von der Volkssouveränität, hin zur Zombiesouveränität?

Wie Christ Boehm subsummiert, kommt dem Zombie in The Walking Dead mehr als eine destruktive Rolle zu. Er wird zur notwendigen Bedingung sozialer Progression – der Mensch avanciert zum sprichwörtlichen Zoon Zombiekon (Boehm 2014: 134): „… the zombie becomes a necessary evolutionary step in the re-organization of society.“

Referenzen:

  • Besand, Anja (2018): Was wir von Zombies lernen können. Politische Grundfragen in The Walking Dead. In: Besand, Anja (Hrsg.): Von Game of Trhones bis House of Cards. Politische Perspektiven in Fernsehserien. Schriftenreihe Band 10229 der Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, 27-49.
  • Boehm, Chris (2014): Apokalyptic Utopia. The Zombie and the (r)Evolution of Subjectivity. In: Keetly, Dawn (Ed.): We’re All Infected. Essays on AMC’s The Walking Dead and the Fate of the Human. North Carolina: Mc. Farland, 126-141.
  • Braun, Eberhard/Heine, Felix/Opolka Uwe (2008): Politische Philosophie. Ein Lesebuch. Texte, Analyse, Kommentare. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Hobbes, Thomas (1966): Leviathan oder Stoff, form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Neuwied/Berlin: Suhrkamp Verlag.
  • Riescher, Gisela (2013): Spannungsfelder der Politischen Theorie. Schriftenreihe Band 1406 der Bundeszentrale für politische Bildung Bonn.
  • Rousseau, Jean Jacques (2000): Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundlagen des politischen Rechts. Frankfurt am Main: Inselverlag.
  • Weber, Max (1984): Soziologische Grundbegriffe. Tübingen: UTB für Wissenschaft.
  • Foto: Screenshot The Walking Dead (AMC) S 04 E 16 Terminus Min. 2
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